Am Rhy dihei - im Städtli willkomme

Fulminant und würdig von Walter Sommer verabschiedet

(Text von Thomas Brack)

Federnden Schrittes steuert Walter Sommer durch die von Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern voll besetzte Rhy-Halle in Diessenhofen ans Rednerpult: Deren 256 waren erschienen, um die letzte von rund 60 Gemeindeversammlungen unter seiner Ägide mitzuerleben. Alle Beteiligten spüren, an diesem Freitagabend einen ganz speziellen Anlass mitzuerleben: Vor 30 Jahren, im Juni 1987, wurde Walter Sommer zum Stadtammann Diessenhofens gewählt, und seither leitete er das Geschick des Rheinstädtchens mit grossem Elan und «feu sacré». Obschon der dienstälteste Stadtpräsident des Kantons Thurgau, war dies seinem wie gewohnt dynamisch-frischen Auftritt überhaupt nicht anzumerken. Nicht ein in Ehren ergrauter, von der Last des Amtes gezeichneter, verbrauchter und gebeugter Magistrat schleppte sich zum Rednerpult, sondern ein elegant gekleideter, leichtfüssiger und prima gelaunter Präsident schritt forsch zum Mikrofon und begrüsste humorvoll-launig die Stimmbürger, die von ihm so sehr geschätzte Keimzelle der Demokratie. Unter den zahlreich erschienenen Ehrengästen befanden sich auch der Regierungsrat des Kantons Thurgau, Jakob Stark und Alt-Regierungsrat des Kantons Schaffhausen, Reto Dubach. Von den Nachbargemeinden waren die Gemeindepräsidentin von Schlatt, Marianna Frei, sowie der Gemeindepräsident von Basadingen-Schlattingen Peter Mathys und der Oberbürgermeister von Gailingen, Oberbürgermeister Heinz Brennenstuhl, vertreten.

Solide Finanzen

Der Stadtpräsident hatte Grund, sich zu freuen, denn die Stadtgemeinde Diessenhofen schloss die Rechnung mit einem soliden Finanzüberschuss ab. Grosse Investitionen wie die Sanierung der Kanalisationsleitung an der Grossholzstrasse, die Pflästerung an der oberen Mauer, die Renovation der Südfassade des Rathauses, die Erstellung der Erdgasleitung nach Basadingen und die Installation von sieben Unterflurcontainern konnten 2016 getätigt werden, und trotzdem schloss die Gesamtrechnung mit einem Finanzierungsüberschuss von 225 300 Franken. Die starke Substanz zeigt sich auch im Nettovermögen, das sich auf 1,308 438 Millionen Franken beläuft. «Ist das Steueraufkommen Diessenhofens auch durchschnittlich, so liegt die Steuerbelastung von 47 Prozent bei den Top Ten des Kantons Thurgau», erwähnte Regierungsrat Jakob Stark in seiner Laudatio, «und dies ist ein untrügliches Indiz für die effiziente Arbeit der Stadtverwaltung. Auch der Energieverkauf erwies sich als gewinnbringend, so dass es nicht verwunderte, dass die Rechnung der Stadtgemeinde einstimmig genehmigt wurde. Klar wurden auch die verschiedenen Einbürgerungen vom Souverän gutgeheissen. So gelangte nach den Traktanden der eigentliche Hauptakt, nämlich die Verabschiedung Walter Sommers, zur Aufführung. Für die gelungene Choreographie sorgten der Stadtrat und Stadtschreiber Armin Jungi, die Laudationes hielten Jakob Stark, Oberbürgermeister Heinz Brennenstuhl, Gemeindepräsidentin Marianna Frei und der designierende Stadtpräsident Markus Birk. Sie hoben ihre positive Zusammenarbeit mit Walter Sommer hervor, der ein verlässlicher und fundiert argumentierender Partner gewesen sei. Auch wenn viele seiner Äusserungen wie locker aus dem Ärmel geschüttelt wirkten, zeugten sie beim genaueren Hinhören von wohl überlegten und tiefsinnigen Gedanken. «Geniale Menschen beginnen grosse Werke, fleissige vollenden sie,» zitierte Heinz Brennenstuhl Leonardo da Vinci und meinte, der abtretende Stadtpräsident vereinige beide Eigenschaften in sich. Und Jakob Stark war insbesondere von Sommers Nehmerqualität beeindruckt, wie er Niederlagen wie die Vorlage zum geplanten Thermalbad wegstecken konnte. «Die wahre Qualität eines Charakters zeigt sich in seinem Verhalten bei Rückschlägen », würdigte er den bald in den wohlverdienten Ruhestand tretenden Politiker, der an diesem, seinem letzten Auftritt mit jeder Fiber seines Daseins das «animal politique» verkörperte, das in ihm steckt. «Es ist ein Geschenk, wenn Herausforderungen und Fähigkeiten im Gleichgewicht zueinander stehen», sieht sich Walter Sommer selbst in seiner Rolle und ist dankbar dafür, so lange in der anspruchsvollen Aufgabe als Stadtpräsident gearbeitet und gelebt zu haben. Für die musikalische Umrahmung sorgten die stadtbekannten Bläser Hansjörg Wägeli und Pius Butti, begleitet am Schwyzer Örgeli von Hermann Bischofberger. Rührung war dem sonst immer beherrschten «Stadtvater» anzumerken, als ihm am Höhepunkt des Abends von seinen Stadtratskollegen eine Ehrenbürgerurkunde sowie ein gewaltiger Eichenpfahl überreicht wurden. Dieser musste gegen einen neuen eingetauscht werden und symbolisierte den lebenslänglichen Bootsanlegeplatz des Ehrenbürgers. Im Anschluss an diese würdige, frohe und gleichzeitig besinnliche Abschiedsfeier lud die Stadtgemeinde die Bürger zu einem Apéro ein.

Glanz und Disziplin

«L’état, c’(était) moi» – der Staat, das (war) ich – von Sonnenkönig Ludwig dem XIV. bis zur Maxime des aufgeklärten absolutistischen Königs Friedrich dem Grossen: «servir et disparaître » – dienen und verschwinden – diese Aspekte vereint die schillernde und Esprit versprühende Persönlichkeit Walter Sommers in sich. Inmitten der durch heftige politische Querelen vergifteten Politik in einigen umliegenden Gemeinden mutet die Ära Sommer tatsächlich wie eine lange Sommerfrische an, und es wäre Grund zur Niedergeschlagenheit, einen solchen Mann ins Private entlassen zu müssen, stünde nicht mit Nachfolger Markus Birk ein Garant dafür, dass in Diessenhofen dieser Geist weiter bestehen wird.