Am Rhy dihei - im Städtli willkomme

Ein Mann wie ein Uhrwerk


Hansueli Ruch vor seinem Siegelturm, dessen Stufen er täglich besteigt. (Bild: Ernst Hunkeler)  

 

Die Tätigkeit, die Hansueli Ruch noch Tag für Tag ausübt, ist andernorts längst automatisiert: Er sorgt dafür, das die Glocken auf dem Siegelturm zur rechten Zeit schlagen.

 

Ernst Hunkeler

Hansueli Ruchs Heimatverbundenheit und Geschichtsinteresse kommt sowohl bei seiner Tätigkeit als Stadtführer sowie als Archivar der Bürgergemeinde und der Reformierten Kirchgemeinde zum Tragen. Und: Er wohnt im «Ruch-Haus», dem ältesten Gebäude Diessenhofens, das sich ins Jahr 1214 zurückdatieren lässt. Wen wundert's da noch, dass der Diessenhofer mit Leib und Seele nebenher auch jenes Amt ausübt, das andernorts längst ausgestorben ist: Er ist der Glöckner des Rheinstädtchens.

Mehr als eine halbe Million Stufen abgeschritten

Das Schlagwerk der Turmuhr im Siegelturm ist eine echte Rarität: Es wird nach wie vor von Gewichten bewegt, und die wiederum müssen täglich aufs Neue von Hand hoch bewegt werden. Der Mann, der dies täglich (ausser während seiner Ferien) tut, ist der Werkhofmitarbeiter Ruch (57). Seit 32 Jahren steigt er zu seinem nachmittäglichen Dienst etwa um 13 Uhr die 48 Stufen bis zur zweiten Etage des 35 Meter hohen Turms hoch, was bisher total immerhin rund 522 000 Stufen ergibt. Es sind teilweise roh behauene Eichentritte, die noch aus dem Jahre 1545 stammen, der Bauzeit des Siegelturmes. Auf dem zweiten der insgesamt vier Böden steht ein Kasten mit den Aufziehmechanismen für die kleine und die grosse Glocke. Es ist das dritte Werk seit Bestehen des Turmes, stammt aus dem Jahre 1879 und funktioniert noch immer einwandfrei.

Die Turmuhr, einen Stock höher, wird elektrisch betrieben. Sie empfängt Zeitimpulse von der Atomuhr in Neuenburg und gehört damit zu den genauesten Zeitmessern in Diessenhofen. Ruchs tägliche Tätigkeit gilt also nur den Schlagwerken für die Glocken. Mit einer Kurbel hievt er jeweils das schwerere, mit Blei gefüllte Gewicht für die kleine und das etwas leichtere für die grosse Glocke in die Höhe, was dank Übersetzung ohne grosse Muskelkraft möglich ist.

Zuverlässigkeit ist oberstes Gebot

Das Schlagwerk der Viertelstundenglocke wird vom schwereren Gewicht in Gang gehalten, weil es viermal häufiger zu schlagen hat als das Stundenschlagwerk. Einmal aufziehen reicht für 27 Stunden, doch die Gewichte dürfen nie auf dem Boden aufsetzen, weil sonst Teile im Mechanismus beschädigt werden könnten. Deshalb ist Zuverlässigkeit das oberste Gebot für den letzten Glöckner weit und breit.

Ein Stockwerk unterhalb des Schlagwerks befindet sich hinter zwei handgeschmiedeten Eisentüren von 1545 jene Kammer, die für den Namen des Siegelturms steht: Hier wurden über Jahrhun-derte Siegel und Akten der Stadt aufbewahrt. Und ein paar Meter weiter hängt ein stabiler Ledergurt aus der Mauer, der sich zuoberst über ein Stück Drahtseil hochzieht bis zur grossen Glocke. Von hier aus wurde bis weit ins 20. Jahrhundert hinein im Brandfall Sturm geläutet.